Wir haben ziemlich viel dafür getan, nicht mehr frieren zu müssen.
Wir heizen unsere Wohnungen, unsere Büros und inzwischen sogar unsere Autositze. Wir besitzen Funktionsjacken, Thermounterwäsche und Schuhe mit Membranen, deren Namen nach Raumfahrt klingen. Wir gehen morgens aus einem warmen Haus, steigen in ein warmes Auto, sitzen in einem warmen Büro und ärgern uns über die drei Minuten dazwischen.
Eigentlich eine beachtliche zivilisatorische Leistung.
Und dann nehmen wir Urlaub, fahren nach Norden und verbringen eine Woche freiwillig bei minus 15 Grad. Besonders merkwürdig wird es, wenn wir dort Dinge tun, die wir zu Hause vermutlich für ausgesprochen unvernünftig halten würden. Wir laufen über zugefrorene Seen. Stellen uns auf zwei Bretter und verschwinden damit für Stunden in einer Landschaft, in der kein Weg geräumt ist. Oder bohren ein Loch ins Eis und setzen uns daneben…
Freiwillig.
Vielleicht hat die Kälte einfach ein Imageproblem.
Wir ziehen uns gegen sie an, heizen gegen sie an und fliegen vor ihr davon. Kalte Füße, kalte Hände, kaltes Wetter – „kalt“ gehört nicht gerade zu den großen Komplimenten unserer Sprache.
Und fairerweise: Frieren ist unangenehm. Darüber müssen wir nicht diskutieren.
Aber vielleicht haben wir Kälte ein bisschen vorschnell mit Frieren gleichgesetzt. Denn Kälte kann Dinge. Sie kann aus einem See einen Weg machen. Schnee unter den Schuhen zum Knirschen bringen. Den eigenen Atem sichtbar machen. Nasenspitzen rot und Wimpern weiß werden lassen. Sie kann dafür sorgen, dass man morgens ziemlich genau wissen möchte, wo man am Abend zuvor seine Handschuhe hingelegt hat.
Vor allem aber ist Kälte eine Bedingung.
Und Bedingungen sind interessant geworden in einer Welt, die wir uns sonst ziemlich zuverlässig passend machen. Ist es dunkel, schalten wir das Licht an. Ist es zu warm, gibt es eine Klimaanlage. Ist uns langweilig, greifen wir zum Telefon. Haben wir Hunger, finden wir meistens innerhalb weniger Minuten etwas zu essen. Den kürzesten Weg berechnet das Handy und ob es morgen regnet, wissen wir heute. Das ist großartig. Nur begegnet uns dadurch immer seltener etwas, das sagt: So ist es jetzt. Richte dich danach.
Kälte kann das ziemlich gut. Sie interessiert sich nicht dafür, ob wir sie gerade passend finden. Bei minus 15 Grad hilft keine Diskussion. Dann braucht es eine weitere Schicht. Bewegung. Handschuhe. Vielleicht eine Mütze, die man zu Hause niemals freiwillig getragen hätte. Wer draußen unterwegs ist, beginnt auf Dinge zu achten, die sonst kaum eine Rolle spielen. Woher kommt der Wind? Wie lange ist es noch hell? Schwitze ich gerade zu sehr? Sind meine Finger noch warm? Nicht die Welt passt sich für einen Moment uns an. Wir passen uns der Welt an.
Vielleicht liegt darin ein Teil der Faszination des Winters. Nicht nur darin, dass alles weiß ist. Nicht im Nordlicht. Nicht einmal in der viel beschworenen Stille. Sondern darin, dass die Umgebung wieder ein Gegenüber wird. Ein zugefrorener See ist dann nicht bloß hübsche Landschaft. Er kann ein Weg sein. Schnee ist nicht Dekoration, sondern bestimmt, wie schnell wir vorankommen. Tageslicht ist nicht selbstverständlich unbegrenzt verfügbar. Wärme ist etwas, um das wir uns kümmern. Und plötzlich kann die Kälte noch etwas anderes:
Sie macht Unterschiede wieder spürbar.
Eine heiße Tasse Tee ist bei 22 Grad eine heiße Tasse Tee. Nach ein paar Stunden draußen bei minus 15 ist sie eine ziemlich großartige Erfindung. Eine warme Hütte ist normalerweise einfach ein Gebäude mit funktionierender Heizung. Wenn man mit kalten Wangen und Schnee an den Stiefeln zur Tür hereinkommt, kann sie sich plötzlich wie der beste Ort der Welt anfühlen
Und eine Sauna? Nettes Wellnessangebot. Bis man einen Wintertag draußen in Finnland verbracht hat. Dann möchte man den Finnen für ihre Existenz kurz persönlich danken. Vielleicht brauchen wir manchmal das eine, um das andere wieder richtig zu bemerken.
Das soll hier übrigens keine vollständige Rehabilitierung der Kälte werden.
Sie hat durchaus einiges auf dem Kerbholz. Kalte Finger sind kalt. Gegenwind bei minus 20 Grad ist keine poetische Erfahrung, sondern erst einmal Gegenwind bei minus 20 Grad. Und wer seinen zweiten Handschuh nicht findet, entwickelt vermutlich auch in Lappland keine spontan innige Beziehung zum Winter. Aber vielleicht muss etwas nicht immer angenehm sein, damit wir es mögen. Wir verlassen freiwillig unsere bequemen Sofas, um Berge hinaufzulaufen. Wir schlafen im Zelt, obwohl zu Hause ein Bett steht. Wir paddeln stundenlang, obwohl Boote mit Motor längst erfunden wurden. Und wir fahren im Winter nach Norden, obwohl es Flugzeuge in den Süden gibt. Vernünftig ist das nur bedingt.
Aber vielleicht suchen wir unterwegs auch gar nicht immer das möglichst Angenehme. Vielleicht suchen wir manchmal eine Welt, die uns nicht fragt, wie wir sie gern hätten. Eine, in der die Fragen für eine Weile erstaunlich konkret werden: Ist mir warm? Woher kommt der Wind? Wie weit ist es noch? Wo ist mein zweiter Handschuh? Und wann gibt es Tee? Gehen. Ziehen. Holz holen. Wasser machen. Essen. Warm bleiben.
Es sind einfache Dinge. Nicht unbedingt leichte.
Das ist ein Unterschied. Kein Posteingang. Keine fünf Dinge gleichzeitig. Erst einmal nur das, was gerade da ist. Und irgendwann wieder reinkommen. Vielleicht ist genau das der Grund, warum vernünftige Menschen Löcher in zugefrorene Seen bohren. Nicht unbedingt wegen der Fische. Sondern weil die Welt rund um dieses Loch für eine Weile erstaunlich einfach geworden ist.
Die Kältetheorie in der Praxis testen:

mit Backcountryski in der arktischen Wildnis des Saltfjells

Einsteigertour mit gemütlicher Lodge-Übernachtung in wilder Natur

Naturerlebnisse und Wohlfühltage auf einer familiären Huskyfarm
